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BIRGIT KRAUSE / DIE PRÄRIE IN MIR

Zur Bilder-Serie 'One Little Indian'

Denke ich an die Landschaft meiner Kindheit zurück, dann vermisse ich die Leichtigkeit, mit der sich mir alles zur Prärie öffnete, zum geheimen Pfad, zur helllichten Waldlichtung oder zum Sand umwehten Fort. Ich war Indianer, manchmal auch Häuptling, immer aber Blutsbruder. Die eigentliche Welt, in der ich lebte, war klein und abgesteckt. Doch je weiter ich mich aus ihr fort bewegte und alle Ordnungen hinter mir ließ, desto größer und wahrhaftiger wurde sie - die andere Seite der Wirklichkeit. Ich streifte über Kornfelder in Richtung des Waldes und ließ mich unter hohen, duftenden Kiefern nieder. Ich kaute Weizenhalme und schob Sand mit den Stiefeln, bis ich beschloss, für immer überzusiedeln.

"Jeder hat seine Madeleines" schrieb der argentinische Autor Julio Cortázar in Anspielung auf Marcel Prousts berühmte Erinnerungsszene. Der Geruch eines in Jasmin-Tee getunkten Sandgebäcks öffnet Proust die Tür zur verlorenen Kindheit und lässt eine Serie vergangener Bilder vor seinen Augen erscheinen. Jeder hat seine Madeleines, seine unbewussten Agenten und verborgenen Auslöser der unwillkürlichen Erinnerung. Blicke ich auf die Bilderserie "One little Indian", öffnet sich mir der verloren gegangene Horizont auf die rückseitige, längst vergangene Welt der frühen Abenteuer noch einmal. Ich sehe mich wieder mitten unter ihnen - den hohen, duftenden Kiefern und im kleinen Kreis meiner großen Helden.

Kein Tag, an dem ich nicht auf der Suche nach ihnen war: Winnetou und Old Shatterhand. Sie lebten nicht als puppenhafte Stellvertreter in meinem Kinderzimmer, sie waren leibhaftig und allgegenwärtig, kaum verließ ich das Haus. Ein Schritt über die Grenze der Siedlung - und schon spürte ich mit dem ersten gelben Sand unter den Füßen auch sie. Ich traf sie niemals direkt an, aber ich fand ihre Spuren und spürte ihre Präsenz. Was musste geschehen, damit sie endlich auftauchten und mich auf einen Ritt mitnähmen? Ich tat alles, um so zu sein wie sie. Ich verteidigte die Freiheit gegen die Ungerechtigkeit, ich spähte nach Feinden und schlich mit Messer, Pfeil und Bogen, Silberbüchse und Henrystutzen durchs hohe Gras. Ich war wie sie, ein Westmann und stolzer Indianer. Nicht auszudenken, sie wären in diesem Augenblick tatsächlich aus dem Schatten einer Baumreihe auf mich zu geritten ...

Ohne, dass ich die Landschaft wieder betreten muss ... die Erinnerung kommt mit den Bildern von allein herauf! Was ist es, das dieses Heraufkommen begünstigt? Es muss an der eigenwilligen Spannung von Nähe und Distanz liegen, mit der die Kamera die Motive eingefangen und in eine emotionale Form der fotografischen Einfühlung verwandelt hat. Der Blick der Fotografin beschwört eine Vergangenheit herauf, die die Gegenwart nicht überschreibt. Im Gegenteil. Die Vergangenheit trägt die Gegenwart auf ihren Schultern.

Wir sehen beide: Vergangenheit und Gegenwart. Ein kleines Mädchen, das die Sprache der Tiere versteht, das einen Tee zubereitet und mit Bäumen und Pflanzen spricht. Bei allem, was das kleine Indianer-Mädchen tut, wird es beschützt vom großen Adler am Himmel, der sorgsam seine Kreise zieht und alles genau beobachtet, was am Boden geschieht. Die Anwesenheit der Fotografin scheint nicht von Gewicht zu sein. Ist sie unsichtbar? Wer oder was ist auf welche Weise präsent? Es würde mich nicht wundern, wenn gleich ein geflecktes Pony aus dem Gebüsch gerannt käme: "Hey, hey, kleiner Donner!"

Jeder hat seine Madeleines, jeder hat seinen "One Little Indian". Damals dachte ich, es gibt nur mich und diese andere Seite der Welt. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass meine Freunde und selbst die vielen Gegner, die wir im Laufe der Zeit besiegten, ebenso Messer, Pfeil und Bogen, Silberbüchse und Henrystutzen besaßen. Auch sie liefen jeden Tag auf den Horizont zu, um hinüber zu gelangen auf die andere Seite der Wirklichkeit. Dort, wo das kleine Indianer-Mädchen lebt und das aufmerksame Adlerauge der Kamera aus sicherer Entfernung alles genau beobachtet, was geschieht, um rechtzeitig zur Stelle zu sein und die Gegenwart vor dem plötzlichen Sturz aus der Zeit zu bewahren.

[TEXT FÜR PUBLIKATION / 2010]