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SABINE WILD / SCHATTEN UND LICHTSEITEN

Die Metropole war von jeher ein Lieblingstopos der Fotografie. New York - neben Chicago die zweite Geburtsstadt des Wolkenkratzers - könnte paradigmatisch für die Eroberung der Stadt durch das Objektiv stehen. Städte wie Hongkong und Shanghai haben aufgeholt. Die Luft um die Spitzen ihrer höchsten Gebäude ist bereits so dünn, dass die Farben verblassen.

Für Sabine Wild ist keine Megacity zu groß und kein Kontinent zu fern. Je unüberschaubarer eine Metropole, desto neugieriger stürzt sie sich auf sie. Ein Bild von ihr wäre aber nicht es selbst, wenn es unter der Oberfläche des vermeintlichen Immergleichen nicht immer etwas Neues und Überraschendes zu entdecken gäbe. Das optische Flirren der signifikanten Längs- und Horizontalschraffuren, die ihre Metropolen-Bilder bestimmen, ist formalästhetische Absicht und mehr als ein Erkennungszeichen. Ihr unverwechselbarer Stil erstaunt durch Variation. Mal skandiert ein dramatischer Einschuss von Farbelementen die vibrierenden Felder, mal überwiegt ein Maß optische Verwischung im Bild. Die Kompositionen suchen ein fein ausdifferenziertes Spannungsverhältnis zwischen grafisch-abstrakten und gegenständlich-realistischen Elementen. Durch die Verfremdungsebenen hindurch öffnet sich stets ein Mikrokosmos architektonischer Details. Zusammen ergeben die Stilmittel eine signifikante Bildsprache, die den Blick des Betrachters nicht nur auf Bekanntes, sondern ebenso auf verborgene Zwischenzonen des Wirklichen lenkt.

Besitzt nicht jede Metropole ihr eigenes Gesicht und unverwechselbares Wesen? Hong Kong scheint regelrecht von einer verschwenderischen Fülle herabschwemmender Farbe heimgesucht. Chicago wiederum wirkt wie von einem grausilbrigen Firnis überzogen. Die hellen, ausgeblichenen Gebäudespitzen Shanghais, wie im Dunst summend, unterscheiden sich deutlich von den rasterartig ziselierten Materialzonen in Manhattan. Das optische Orchestrieren der Bildcluster ist vielschichtiger, als es manche digitale Spur vermuten lässt. Farbige, eisige Flächen lagern unter kurzen, schnellen Fassadenschnitten in der Senkrechten, während ein flüssiger, metallen wirkender Straßenbelag von rebellierenden Ästen angegangen wird. Es herrschen Gegensätze auf mehreren Ebenen.

Pixelschlieren ziehen durchs Bild, als sei alles ein Gespinst aus architektonischen Traumspuren und entmaterialisierter Ideen. Der fotografische Realismus bindet das Digitale zurück an die Wirklichkeit. Es sind die Schatten und Lichtseiten der Metropolen, die in der fein nuancierten Bildsprache zum Ausdruck kommen. Shanghai mit seiner trutzigen Skyline gleicht einem architektonischen Menetekel der neuen chinesischen Wunderkräfte. Unter dem hellen Schein des Aufstrebenden lauern dunkle Momente. Eine Dosis kirschroter Farbe unterwandert das Bild, während die sonst so fein ins optische Aluminium der Gebäudefassaden gefrästen Fugen und Rillen wie mit dickflüssigem Teer oder mit ätzendem Bleichmittel aufgefüllt erscheinen.

Zuweilen ist es, als habe die Künstlerin die Mute-Taste gedrückt in ihren Bildern, der Ton der urbanen Szenerie wirkt gedämpft. Möglicherweise ist er sogar ganz ausgestellt, um das Grundrauschen der Stadt durch künstliche Stille zu verstärken. Sabine Wilds Metropolenbilder sind progressive Bilderstürmer, in ihnen gehen virtueller Ton und visualisierte Stadt eine farblich-feierliche Mesalliance ein und feiern eine synästhetische Hochzeit der Elemente bis tief in die Nacht. Am Morgen danach steigt die Sonne wie selbstverständlich auf und ein neuer Tag beginnt.

ART-TEXT FÜR KALENDER / 2011]