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BIRGIT KRAUSE / DIE BLUMEN DES SCHÖNEN

über 'Recherche' und 'Blue Monday'

Der Zucker unserer Erinnerungen liegt unverrührt auf dem Grund unseres Gedächtnisses. Ob jemand lieber grünen Tee trinkt, italienischen Espresso oder argentinischen Mate, das ist egal. Worauf es ankommt, ist der Moment, in dem der Zucker verschmilzt mit unserer Erinnerung: Dann zuckt der Erinnerungsblitz und schleudert uns zurück in die Vergangenheit. Über der Tasse reiben wir uns verwundert die Augen und sehen, wie sich ein japanisches Wunderpapier mit Flüssigkeit vollsaugt und in einen herrlichen Schwan verwandelt.

Die Berliner Fotografin Birgit Krause (Studentin der Ostkreuz-Schule bei Sibylle Bergemann, Meisterschülerin von Arno Fischer) zeigt Arbeiten unter dem Titel "Unwillkürliche Erinnerungen". Die Anspielung auf Marcel Prousts Jahrhundertwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist evident. Proust beschreibt die Form der unwillkürlichen Erinnerung anhand einer einzigartigen Szene. Birgit Krause dagegen signalisiert bewusst eine Vielzahl unwillkürlicher Erinnerungen. Die beiden Serien Recherche und Blue Monday beziehen sich dabei auf zwei ausgesuchte Lebensphasen mit je eigenen Stimmungen und Valeurs: zum einen auf die Kindheit, zum anderen auf die Jugend.

Deutet man die Bildunschärfen in Recherche leichtfertig als Ausdruck erinnerungstechnischer Verschwommenheit, so ist damit nichts gewonnen. Die Wahl einer Einwegkamera entspringt bewusst einer ästhetischen Begrenzung auf das kindliche Sehen selbst. Dieses sieht in den Dingen oft mehr, als sie in Wahrheit sind. Es ist bezeichnend, dass die Fotografin ihre Motive nicht an konkreten Orten der Kindheit und Jugend auffand, sondern verstreut in der ganzen Welt. Ein Kantinentisch in einem DDR-Bunker erinnerte sie an ihre Kindergartenzeit in Hildesheim. Weiter könnten Vergangenheit und Bild, Erinnerung und Motiv, Abbild und Original kaum auseinanderliegen. Und doch entsteigt dem Bild unaufhörlich der gleiche leicht saure Geruch frisch aufgebrühten Hagebuttentees.

Schwarze Nischen und einsame Vögel, irdische Mondlandschaften und in sich versunkene Galaxien - der düstere Grundton von Recherche deutet nicht auf eine bunte Blümchenwiese hin. Und doch scheinen gerade die schwärzesten Stellen der Bilder direkt hinüberzuführen auf jene leuchtende Wiese, auf der, wie der argentinische Autor Julio Cortázar einmal sagte, "das Einhorn wiehert". Insofern wundert es nicht, dass in der Jugend ein Farbenbekenntnis erfolgt. Blue Monday - es ist das Schwarzblau des New Wave und der New Romantic der 80er Jahre, das die Bilder der zweiten Serie wie ein Oxidations- und Haarfärbemittel von damals durchzieht. Die blaue Blume der Romantik blüht auf, um sich augenblicklich in etwas Abstraktes zu verwandeln. Für einen Moment jedoch ist die Vergangenheit spürbar nah.

Betrachtet man Birgit Krauses Bilder als fotografische Erkundungen der Erinnerung im Modus der Vergangenheit, dann gehen sie in einem selbst auf. Obwohl in jüngster Zeit entstanden, wirken sie, als hätten sie viele Jahre darauf gewartet, endlich gepflückt zu werden.

[AUSSTELLUNGSTEXT / 2011]