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BIRGIT KRAUSE / HAWAII BACKWARDS DIRECTION

Hawaii im Winter: Eine erloschene Feuerstelle, ein obskurer Autoreifen, das Simulakrum eines Pferdes am Koppelzaun. "Ich bin keines von diesen Beachgirls!", verrät sie mir in einem Tonfall der Entschuldigung. Ich halte inne und betrachte die vielen bunten Hawaiibilder in meinem Kopf: Monsterwellen, braungebrannte Surferboys, Hulahup und rote Ferraris. Nein, das ist nicht ihre Welt! Dorthin etwa auswandern? Eine Mischung aus Unbehagen und Faszination, aus Neugierde und Distanz. Bilder, so vertraut und fremd zugleich.

Im Unheimlichen steckt das Heimliche unbewusst verborgen, das wissen wir seit über 100 Jahren von Sigmund Freud. Ein Pferd, das seinen Kopf abwendet und seitlich aus dem Bild blickt. Dieser Blick erinnert mich an etwas, er verweist auf etwas anderes, er führt mich von hier aus wohin. "Schau dorthin!", sagt der Blick. "Schau zur Seite!" Wie eine Handlungsanweisung! Und doch schaut mich dieses Pferd an, es beobachtet mich. Der Betrachter muss wissen: Huftiere sehen anders als ihre Jäger. Sie liegen nicht geduckt im Gras und fixieren die Beute. Sie beobachten, was um sie herum geschieht, während sie im Stehen grasen.

Was ist das für eine Welt in diesen Bildern? Amerika und doch nicht Amerika. "Du hast deinen Alec Soth studiert!", sage ich zu ihr. "Nur an die Menschen traust du dich nicht heran." Wozu auch? Auf der Insel gibt es offenbar keine! Was es gibt, sind Spuren. Fremdartige Spuren, rätselhafte und obskure Spuren. Es fehlt eigentlich nur noch ein gelandetes Ufo irgendwo, eines, das beweist, dass Hawaii tatsächlich existiert. Nicht unbedingt ein Ort zum Auswandern, denke ich, aber einer zum fluchtartigen Verlassen und Staunen allemal. Ganz wie du willst!

Ein altes Kinderspiel, ganz neu: Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist hier und das ist nicht hier! Vor dem Auge versteckt sich etwas, und doch ist es zu sehen. Du siehst es sofort, wenn du länger hinschaust, es zieht dich in den Bann. Ist es der Kartonzuschnitt des riesigen Zufahrtskreisels? Ist es der vom Waldboden verschluckte Wagen? Vielleicht ist es in der Komposition versteckt? Dort rutscht mit dem Hang schon das Motiv durchs Bild! Wenn das alles nicht so irrwitzig wäre, wäre es tragisch-komisch. So ist es im Grunde beides und womöglich ein Drittes. Wie die riesige Holzkiste, die wie abgeliefert auf einer Hausveranda steht. Ist das so, wenn man ankommt in einer anderen, in einer fremden Welt? Steckt in der Kiste das "Hier" vom "Wohin" versteckt?

Hawaii backwards direction - ich betrachte die Bilder noch einmal. Eine Landschaft im Dunst - eine hellwache Selbstvergessenheit. Ein erloschenes Feuer - ein dampfender Vulkan. Ein echtes weißes - unechtes Pferd an einem Koppelzaun. Plötzlich spüre ich eine tosende Welle in der Ferne heranwachsen. Sie kommt aus dem Rückraum des Landes, sie rollt aus den Bergen und Wolken direkt auf mich zu! Sie überrennt das Objektiv, sie will mich hinab zum Strand fortreißen! Ich stemme mich ihr entgegen, es macht Klick.

[TEXT ÜBER BILDERSERIE / PUBLISHED IN 'GRID' NR 1 / 2010]