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LÄCHELNDES GRAU

NADINE ETHNER / THE BALTIC SEA PROJECT

Der Wind hat den Himmel abgeschliffen, von überall rieselt feines Grau herab. Mit einem Mal nimmt die Umgebung weiche grünliche, bläuliche oder rötliche Tönungen an. Man kann viel über die Farbpalette des Ostseeraums schwärmen. Nur eines darf man nicht glauben, die Sonne hätte irgendetwas zu verantworten an den weichen ausgeblichenen Farbtönen des Baltischen Meeres. Im Gegenteil, sie bringt das weiße Lächeln des Ostsee-Pastells erst zum Strahlen.

Als Langzeitprojekt angelegt und in multimedialer Form ausgearbeitet, spielt die romantische Wahrnehmung in Nadine Ethners Baltic Sea eine konstituierende Rolle. Der sinnliche Eindruck, den der Betrachter über die räumlich angeordneten Fotografien erfährt, lässt ein inneres Empfindungsbild aufsteigen, das zu sich zu einer synthetischen Wahrnehmungsform verdichtet. Wir begegnen einem impressionistischen Gestus, der auf einer Vielzahl konzeptioneller Einzelnuancen beruht. Anders ausgedrückt: Rund um dieses kleine graublaue Binnenmeer des Nordens existiert eine mehrfarbene Palette an unterschiedlichen Ländern, Menschen und Kulturen, die in dem Projekt Baltic Sea ins ästhetische Verhältnis gesetzt sind.

Der alles grundierende Farbton (oder das Weiß - wie es im Litauischen heißt: "Baltas") hält selbst unterschiedlichste Sprachen und Schriftzeichen zusammen. Er lässt kalligraphische Feinheiten und kryptische Sonderzeichen als verschlungene Schriftfiguren erscheinen. Man muss wissen, dass die Ostsee im Mittelalter ein bedeutender Handelsraum war, dessen ökonomische Stärke im Bund der Hanse zum Ausdruck kam. Zar Peter der Große ließ Anfang des 18. Jahrhunderts extra eine neue Stadt am Mündungsdelta der Newa erbauen, nur um einen russischen Zugang zur Ostsee durchzusetzen - Sankt Petersburg. Es mag irritierend klingen, aber die Ostsee war und ist in ihrer kulturellen und ethnischen Vielfalt womöglich nichts anderes als das Mittelmeer des Nordens.

Das Projekt nimmt mehrere Erzählstränge auf. Es interessiert sich für die Grenzen zwischen den Anrainerstaaten und untersucht die Scheidelinien von Wasser, Land und Luft. Es wirft Seitenblicke auf das sensible ökologische System, das durch seinen geringen Sauerstoff- und Salzgehalt hochgradig instabil ist. Es verweist in seiner halb dokumentarischen, halb abstrahierenden Darstellungsform auf die Ambivalenz von Bernstein und weißem Phosphor, jenem leicht entzündlichen Munitionsrestmüll, der dem edel gehärteten Naturharz so ähnlich sieht und an die Küsten gespült wird. Man mag es sich kaum vorstellen, aber dieses so friedliche, so selten aufbrausende Meer war einmal ein hochexplosives, unbefahrbares Seeminenfeld.

Die Idylle von weißen Sandstränden und blaugrau gestrichen Seeweiten kann also täuschen. Dies gilt es zu bedenken, wenn der Blick auf die Suche nach etwas Eindeutigem, Bestimmten oder Dauerhaften in den Bildern geht. Es ist durchaus vorhanden, aber zugleich einem steten Wandel unterworfen, der kaum spürbar in langen Amplituden über die Bilder hinweg schweift und sie in ihrer Bedeutung und in ihrem Sinn variiert. Nur eines bleibt als unveränderliche Größe oder Basis bestehen: Das Lächeln der Farbe Grau.

[AUSSTELLUNGSTEXT / Mai 2013]