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WERNER PAWLOK / LEIGH BOWERY

Leigh Bowery - zu groß für einen Gedanken!


"Er versuchte nicht jemand anderen zu imitieren
oder zu verkörpern. Er schöpfte einfach ein neues Wesen."


(William Lieberman, Metropolitan Museum of Art, 1994)

François Rabelais, der große französische Humanist, wäre begeistert gewesen. Gleichzeitig hätte er sich über Leigh Bowerys groteskes Kostüm nicht allzu sehr gewundert: Ein großer kräftiger Mann auf robusten schwarzen High-Heels, mit schriller Kopfmaske, schwarzen Leggins und einem Kleidungsstück, das im Wesentlichen aus einer um den Leib geschnallten, kopfüber hängenden, nackten Frau besteht, deren langer Haarschweif einem Lendenschurz gleicht. Zwei Körper verschmelzen zu einem symbiotischen dritten Körper. Nichts anderes propagierte Rabelais in seinem parodistischen Werk "Gargantua und Pantagruel". Doch zwischen François Rabelais und Leigh Bowery liegen rund 450 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte.

Wer war dieser Leigh Bowery? Ein begnadeter Körperkünstler, Modeschöpfer, Art-Performer, Tänzer und avantgardistischer Nachtclubbesitzer in London der 1980er Jahre. Geboren 1961 in Australien, aufgewachsen in Sunshine, einem Vorort von Melbourne, zog es den talentierten Konzertpianisten Anfang der 80er Jahre nach Europa - in die quirlige Post-Punk-Zone London. Er schrieb sich für Modedesign ein und mischte bald darauf die Mode- und Club-Szene mit eigens gefertigten Kollektionen auf, deren Tragbarkeit nur Bowery allein unter Beweis zu stellen vermochte.

Was er unprätentiös seine "Looks" nannte, glich im Scheinwerferlicht der Clubs einer gewaltigen Karambolage des Triadischen Balletts mit dem Futurismus, dem Kubismus, der Pop Art und einigen geschlechtsumgewandelten Superhelden aus dem Hause Marvel. Man stelle sich vor, das Michelin Reifenmännchen rase mit hoher Geschwindigkeit in John Waters Trash-Film-Muse Divine hinein, der/die gerade einen wuchtigen Theaterkoffer voll Schminke, schriller Stoffe, obskurer Accessoires und mehreren Rollen Gafferband die Straße überquert - dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, was in Leigh Bowerys unerschöpflichem Kostüm- und Gestaltenkosmos vor sich ging.

Unmöglich, zu beschreiben, was sich allein durch sich selbst definiert. Boverys grandiose Einsätze an der Art-, Dance-, Avantgarde-, Mode- und Showfront zeigten ihn zu 99 Prozent als ein kunstvoll geschminktes, subtil maskiertes und meisterhaft ausstaffiertes Formen-Gebilde aus einem je abwechslungsreichen und äußerst polyvalenten Stoffe- und Materialienguss. Jeder seiner Auftritte war ein Kunstwerk. Selbst nackt und en naturelle - wie in den Gemälden von Lucien Freud, dem Bowery Model stand - wirkte er wie jemand, dessen riesenhafte Gestalt von anderer Wesenhaftigkeit ist.

Dazu passt, dass Bowery die Geschlechterrollen gern gegen den Strich bürstete. Wer es nur schwer erträgt, einen grotesken männlichen Körper in einen grotesken weiblichen Körper verwandelt zu sehen, der sollte Bowerys unerhörte Bühnen-Auftritte, die im Netz kursieren, besser meiden. Der politische Thatcherismus seiner Zeit ihm eine hervorragende Bühne für absolut grenzüberschreitende, karnevalistische Travestien.

In einem Atemzug eroberte er New York und wurde Mitglied in der Michel Clark Kompanie: Ein massiger Formen-, Kostüm-, und Bewegungs-Virtuose unter lauter durchtrainierten, filigranen Balletttänzern. Mit zwei angetapten Glühbirnen anstelle der Ohren saß er komplett maskiert wie ein ferner Galaxie-Abgesandter in einer einschlägigen Saturday-Night-Show und demonstrierte auf dadaistische Weise großen Kunst- und Sachverstand. Bowery - das war das wirkungsvolle Zusammentreffen von Witz, Genie und künstlerischem Understatement bei maximaler ästhetisch-materieller Hypertrophie. Wenn seine Looks eines nicht waren, dann schlicht oder einförmig. Sie waren tiefsinnig, gewagt, formenreich, zugespitzt, üppig - immer auf den Punkt gebracht und stilistisch makellos. Wer ein guter Comiczeichner werden will, sollte schleunigst damit beginnen, Leigh Bowerys zu zeichnen.

An einem Sommertag in 1988 begab er sich, wie verabredet, in ein Fotostudio in der Schwabstraße 2 in Stuttgart. Er trug eine simple Armeejacke, dazu eine Perücke. Er hatte einige Materialien dabei, um sich rasch zu verwandeln. Der Fotograf Werner Pawlok begrüßte ihn. Man trank Kaffee, lernte sich kennen und besprach das Shooting. Bowery zeigte keinerlei Starallüren und war offen und interessiert. Sein fast schüchternes Auftreten überraschte Pawlok, kannte er ihn doch von expressiven Performances, die einen so sensiblen und scheuen Menschen nicht vermuten ließen. Wie immer machte Pawlok zunächst Tests mit Polaroids (Typ 88), um ein Gefühl für Belichtung und Arrangement zu bekommen. Er hatte seine Vorstellung von den von Kodak in Auftrag gegebenen Farbdias. Film für Film wurde belichtet, während Bowery in immer neue Rollen schlüpfte. Zwischendurch belichtete Pawlok weitere Polaroids, teils auf Polapan und Polachrome. Am Ende war viel Dia-Material entstanden, das an Kodak weiter geschickt wurde und, so unglaublich es klingt, dort in den Archiven verschwand und bis heute nicht mehr aufzufinden ist. Werner Pawlok blieben von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen mit Bowery einzig und allein die Polaroidaufnahmen. Die allerdings haben seitdem Foto-Geschichte geschrieben.

Leigh Bowery starb Sylvester 1994 an den Folgen von Aids. Doch die Kunst ist im Gegensatz zum Leben lang. Eine Anekdote besagt, Bowerys Sarg habe auf der Beerdigung das vorbereitete Grabloch gesprengt. Freunde und Familienangehörige hätten deshalb spontan zu den Schippen gegriffen und die Grabstelle vergrößert. Wieder so eine Szene, die nicht nur Rabelais ziemlich gut gefallen hätte.

[KATALOG- UND AUSSTELLUNSGTEXT / 2013]