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IRINA DABO / BESIDE ME

"Es ist nur ein Spalt, aber er verlockt und gibt wahnsinnig viel preis."

Es dürften hygienische Gründe sein, weshalb die Kabinenwände auf öffentlichen Toiletten selten bis zum Boden reichen. Manchmal begegnet man einer ungeniert durchkullernden Papierrolle, gefolgt von einem kurzen Aufschrei nebenan. Meistens aber bleibt jeder für sich allein und so unsichtbar wie möglich. Es geschieht nichts Außergewöhnliches. Zugleich ist die Phänomenologie des Ortes enorm: Neugierde, Intimität, stiller Rückzug, ein Kabinett verstohlener Spiegelblicke, rauschende Wasser und seltene Seifendüfte - es kommt vieles zusammen.

"Who`s knocking at my door?"

Welcher mächtige Impuls Irina Tübbecke letztlich dazu verleitete, ihre auf dem Boden der Damentoilette des berühmten New Yorker Hearst-Towers abgestellte Kamera plötzlich zur Nebenkabine auszurichten und drei Mal hintereinander den Auslöser zu drücken - überrascht war sie nicht nur über sich selbst, sondern insbesondere vom Ergebnis der Bilder.

Die Aufnahmen, so spontan und zufällig entstanden, zeigten in unerbittlicher Deutlichkeit nicht nur einen auf menschliche Knöchel und modische Schuhe reduzierten Bilder-Strip. Sie waren derart komplex, narrativ und visuell eigensinnig, dass sich die Berliner Fotografin des Themas sofort intensiver annahm. In der Fotografie wird ja gern nach dem entscheidenden Augenblick gestrebt. Jeder sucht sein Gespür für den szenischen Moment zu perfektionieren. Hier führte allein der Zufall Regie.

Was an den Bilder-Strips verblüfft, ist nicht nur die grenzüberschreitende Geste, mit der die Kamera einen Zwischenraum des Öffentlichen ausnutzt, um in benachbarte Intimsphären einzudringen. Es sind immer auch die Vorstellungskräfte im Kopf des Betrachters, die durch solche Bilder wie von selbst in Gang kommen. Die Anonymität der Porträtierten bleibt gewahrt. Es gibt kein Gesicht zu den beobachteten Personen. Es wird auch niemand entblößt. Der Betrachter beginnt von selbst, Schuhe, modische Accessoires und bestimmte physiologische Merkmale zu einem Typus und zu einer Szene zu interpretieren. Er sucht einen Plot, er wird zum Spurenleser. An ihm vollzieht sich eine Verführung zur Neugierde.

[TEXT ZUR BILDERSERIE / 2012]