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IM SPIEGELSAAL DER GLETSCHERHÖHLE

Katalogtext zu Bernd Nicolaisens Bildband "Restlicht"

Kein künstliches Licht, kein Reflektor verfälscht das wundersame Lichtspiel in der Gletscherhöhle. Allein das Kameraobjektiv entscheidet über Farbtiefe, Kontrastumfang und Detailschärfe des Motivs. Das Spektakuläre der Fotografien von Bernd Nicolaisen ist die Lichtsprache des Gletschereises selbst. Dessen Kristallstrukur absorbiert rote, gelbe, orange und grüne Anteile des Sonnenlichts, die blauen hingegen lässt es passieren. Deshalb leuchten die Höhlen so wundersam blau.

Was wir sehen, wenn wir die Fotografien betrachten, ist gefiltertes Sonnenlicht, das durch massig dickes Eis in die Höhle dringt und dort auf eine sensible Fotoschicht trifft. Gleichzeitig betrachten wir das Ergebnis einer fotografischen Behandlung, einer ästhetischen Intervention, einer bewusst gewählten Sicht auf das Eis. Die Gletscherhöhle wird zur Dunkelkammer, in der sich das menschliche Auge nur langsam an die Struktur der Eiswände gewöhnt. Die Belichtungszeiten sind heraufgesetzt. Momentaufnahmen sind nicht möglich.

Man könnte Platos Höhlengleichnis hinzuziehen, um die Semantik der Bilder zu vertiefen. Oder man verweist auf avantgardistische Formen der Lichtzeichnung, die sich bewusst dem reinen Spiel des Lichts und der Materie verschreiben – ohne Zuhilfenahme einer Camera obscura – wie bei Fotogrammen und Rayografien. In Platos Höhlengleichnis muss sich der Mensch erst aus der Höhle befreien, um das Licht der Erkenntnis zu erblicken. Erst außerhalb versteht er, was im Innern geschieht, ein Schattenspiel, dem er aufsitzt und das er für die Wirklichkeit hält.

Wenn Bernd Nicolaisen mit seiner Großbildkamera in die Gletscherhöhle steigt, dann geht er den umgekehrten Weg. Er verwandelt das Eis in metallisch schimmernde Körper und abstrakte Lichtschattenflächen. In einer Gletscherhöhle zu fotografieren ist insofern auch eine Rückkehr zu den Anfängen der Fotografie, ein Abstieg zum magischen Ursprung des Wirkungszusammenhangs von Licht, Materie und lichtempfindlichen Substanzen.

Es ist eine andere Art der Fotosynthese, die sich im Innern der Kamera-Gletscherhöhle vollzieht. Das Sonnenlicht gebiert im Medium des Eises ungewöhnlich organisch, mineralisch und metallisch anmutende Formen und Strukturen. Immer dann, wenn dem Bild der Maßstab entzogen wird und wir als Betrachter nur mutmaßen können, in welchen Dimensionen sich das nackte Eis vor unserem Auge zur Wand erhebt, immer dann forciert sich der Eindruck der plastischen und geometrischen Abstraktion, immer dann dringen wir auf eigenen Assoziationspfaden in die Tiefe des Eises vor, obwohl es uns realiter vollständig zurückweist.

Anders, wenn die gewaltigen Ausmaße der Gletscherhöhle durch die Sichtbarmachung des Höhleneingangs erkennbar werden und einen erhabenen Sinneseindruck evozieren wie im Bild Ballroom, 2009: Dann nämlich verwandelt sich die Gletscherhöhle in etwas Spektakuläres, in eine mächtige Lichtkathedrale, in der das facettenreiche Spiel des Lichts hinter tausendfach gewölbten Eisfenstern den naturalistischen Vorzug erhält vor der düsteren Phantasie unserer abstrakten Assoziation.

Dies ist zugleich der Unterschied zwischen Farb- und Schwarz-Weiß- Fotografie. Denn das scheinbar von innen herausstrahlende blaue Leuchten des Eises mag kühl wirken, aber zugleich verlockt es mit romantischen Anteilen, die wie hypnotisierende Rauschmittel auf uns einströmen.

Die feinen Grauabstufungen und monochromen Tönungen der Schwarz-Weiß-Fotografien hingegen tauchen die Eisgebilde zurück in universale Dunkelheit, der Tiefe des Weltalls nicht unähnlich. Sie gleichen mysteriösen Himmelskörpern oder tief verborgenen inneren Organen, deren Oberflächen wundersam glatt gerieben sind von der Zeit und dem sanften Licht in der Gletscherhöhle. Nichtsdestotrotz, jedes Motiv beschreibt dasselbe Thema: Eis.

[KATALOGTEXT / JULI 2015]